Ethikrichtlinien des Deutschen Inayati-Ordens (DIO)

 

Definitionen

 Die Bezeichnung Verantwortlich Leitende, abgekürzt Leitende, steht im Folgenden für jede Person, die im Namen des DIO oder einem seiner Zweige, Tariqas eine offizielle Funktion ausübt. Dazu gehören Repräsentanten, Guides, Leiter, Koordinatoren, Retreat-Guides, Konduktoren im Heilorden, Cherags und Farmer.

Die Bezeichnung Murid steht für jede Person, die innerhalb des DIO eine Einweihung als Mitglied der Geistigen Schule erhalten und sich innerhalb der Zweige (Tariqas) des DIO dem entsprechenden Schulungsweg verpflichtet hat.

Die Bezeichnung Ashiq steht für jede Person, die innerhalb des DIO eine Segens- Einweihung erhalten hat, sich damit aber (noch) nicht für den Schulungsweg als Murid entschieden hat.

Die Bezeichnung Guide steht im engeren Sinn für Leitende, die autorisiert sind, Murids spirituell zu begleiten und zu führen.

Ethik-Standards

 Von den genannten Personen und insbesondere den Verantwortlich Leitenden im DIO wird erwartet, sich um korrektes, höfliches und rücksichtsvolles Verhalten zu bemühen, das  bedeutet, andere nicht abzuwerten, zu beleidigen, zu verletzen oder ihnen zu schaden, kurzum, andere so zu behandeln, wie man selber behandelt werden möchte. Adab (*) ist Grundlage und gilt als Richtschnur für alle.

Funktion der Verantwortlich Leitenden

Verantwortlich Leitende dienen Murids, indem sie spirituelle Begleitung, Ermutigung und Inspiration geben. Sie sind nur autorisiert, spirituelle Führung und Übungen zu geben, wie sie im DIO gelehrt werden, und nur in Ausübung der Funktionen, in die sie vom DIO ernannt sind.

Aufgrund der besonderen Verantwortung der Leitenden aller Zweige im DIO sind die Ethik- Standards für sie ausführlicher geregelt:

Von Leitenden im DIO wird erwartet, sich des besonderen Vertrauens bewusst zu sein, das mit der spirituellen Begleitung eines anderen Menschen verbunden ist.

Mit dieser Vertrauensstellung sind folgende ethische Standards bindend:

  1. Leitende respektieren die Autonomie und Selbstverantwortung der Murids.
  2. Sie schreiben kein bestimmtes Verhalten vor, sondern geben Empfehlungen und treffen keine Entscheidungen für ihre Murids.
  3. Sie sind nicht berechtigt, in ihrer offiziellen Funktion im DIO psychotherapeutisch tätig zu sein.
  4. Sie dürfen ihre Autorität und Position nicht dazu benutzen, persönlichen Vorteil aus ihrem Verhältnis zu Murids zu ziehen.
  5. Die Beziehung zwischen Guide und Murid beinhaltet einen besonderen heiligen Raum. Zu ihrem Schutz ist sie darum unbedingt freizuhalten von persönlichen Motiven und entsprechenden Handlungen, insbesondere von sexuellen oder geschäftlichen Implikationen und Abhängigkeiten jeglicher Art. Entsteht dennoch eine solche, ist das Guidance-Verhältnis aufzulösen. Es gehört zur Verantwortung des Guides, sich der eigenen Gefühle zu den Murids bewusst zu sein.
    Leitende sollen in ihrer Funktion als Guide sehr vorsichtig sein, sich auf enge persönliche Beziehungen mit Murids einzulassen, um Rollenkonflikte, Abhängigkeiten und Machtmissbrauch zu vermeiden.
  6. Individuelle Guidance ist kostenlos. Für reguläre Meditationsabende in den Zentren kann ein Kostenbeitrag in Höhe der tatsächlich angefallenen Kosten erhoben werden.
  7. Es gehört zu den Aufgaben der Leitenden, darauf zu achten, ob ein Murid ein Problem hat, das eine andere Behandlung erfordert, als der Rahmen einer spirituellen Begleitung es ermöglicht.

Beispiele:

  • Murids mit ernsthaften medizinischen oder psychischen Problemen oder einem Suchtproblem sollen ihren Guide davon in Kenntnis setzen.
  • Sie sollen angehalten werden, geeignete Fachleute aufzusuchen.
  • Der Guide entscheidet, inwieweit die spirituelle Arbeit dem anzupassen ist.
  • Leitende dürfen nicht in die medizinische oder therapeutische Behandlung von Murids eingreifen.

Sind Leitende aufgrund persönlicher oder oben angesprochener Konfliktsituationen nicht in der Lage, wirkungsvolle spirituelle Begleitung zu geben, sollen sie den Murid an einen geeigneten Guide weitervermitteln. Dasselbe gilt, wenn ein Murid seinem Guide spirituell entwachsen ist.

Für Leitende kann es Zeiten im Leben geben, in denen sie nicht in der Lage sind, ihre Rolle als Leitende wirklich auszuüben, sei es wegen Burnout, finanzieller Schwierigkeiten, Beziehungs- oder sonstigen Problemen. In einer solchen Situation liegt es in ihrer Verantwortung, sich vorübergehend teilweise oder vollständig von ihren Aufgaben entbinden zu lassen.

Eine Person, die Veranstaltungen, Seminare, Retreats, öffentliche Vorträge usw. im Namen des DIO leiten möchte, muss dazu offiziell autorisiert sein.

Jeder kann das Ethikkomitee anrufen, wenn er/sie den Eindruck hat, dass ein Verstoß gegen die Ethischen Richtlinien vorliegt. Immer gilt strenge Vertraulichkeit. Aufgaben, Wahl und Verfahrensweisen des Ethikkomitees sind in der Geschäftsordnung (vgl. Anlagen) geregelt.

Diese Richtlinien wurden 2015 vom GMC bearbeitet, 2016 Pir Zia Inayat Khan vorgelegt und von ihm angenommen, von der Leiterversammlung Ostern 2017 angenommen und nach redaktioneller Aktualisierung am 24.09.2017 von Vorstand und GMC gemeinsam mit den in den Ethikrichtlinien genannten Anlagen Geschäftsordnung und Anforderungsprofil für Mitglieder des Ethikkomitees beschlossen. Mit der Veröffentlichung auf Leiter- und Muridliste sowie auf der Homepage gelten sie innerhalb des DIO als verbindlich.

 (*) Die in der Sufi- Tradition wie auch in den Schriften von Hazrat Inayat Khan verankerten Adab (die königliche Art) beschreiben ethische Grundlagen angemessenen Handelns sowohl für die eigene „Kultivierung des Herzens“ als auch für das soziale Gemeinschaftsleben. Aufrichtigkeit, freundliches Verhalten, Achtsamkeit, gegenseitiger Respekt, Rücksicht und Wertschätzung sind dabei wichtige Prinzipien. Siehe u.a.: Hazrat Inayat Khan: Charakter und Persönlichkeit, Verlag Heilbronn