Ein Essay von Pir Vilayat Inayat Khan

 

Wir suchen eine Form befreiter Spiritualität, die dem Geist unserer Epoche entspricht. Im Bereich der Spiritualität hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, und, obwohl die alten Methoden ihren Wert behalten, müssen wir dennoch weiterforschen.

Zunächst einmal und vor allem wünschen wir eine Spiritualität, die frei ist von einem Glaubenssystem. Ein Weg, um herauszufinden, was eine freie Spiritualität bedeuten kann, ist es, das Gegenteil zu definieren: nämlich zu umreißen, was man als "Kult" bezeichnen kann. Ich möchte, daß wir von all dem, was einen Kult ausmacht, so frei sind wie nur irgend möglich. Das bedeutet in erster Linie Freiheit von einem Dogma oder Glaubenssystem. Viele der Kirchen der Vergangenheit ebenso wie der Gegenwart basieren auf Glaubenssystemen. Was wir anstreben ist, den vorgeschriebenen Glauben zu ersetzen durch einen Glauben, der auf Erfahrung basiert.

Natürlich müssen wir dabei berücksichtigen, daß wir unsere Erfahrungen stets interpretieren. Demzufolge ist Erfahrung "per se" nicht verwertbar. Sie bekommt ihre Gültigkeit nur durch Interpretation. Unserer Erfahrung nach beispielsweise dreht sich die Sonne um die Erde. Das ist Erfahrung. Diese Erfahrung muß interpretiert werden, und sie wurde durch Kopernikus neu interpretiert. Die andere Tatsache, die wir berücksichtigen müssen, ist die, daß unsere vorgefaßten Ideen unsere Erfahrung einschränken. Dies ist vermutlich der einzige Grund, warum ich mich aufgerufen fühle, zu sprechen; denn manchmal ist es notwendig, daß wir unser Denken klären, da unser Denken unserer Erfahrung im Wege stehen kann. Ich erinnere mich, wie Hazrat Inayat Khan sagte, "Wenn es etwas in meiner Lehre gibt, das Ihnen nicht behagt, dann brauchen Sie es nicht zu akzeptieren; Sie brauchen es auch nicht abzulehnen - Sie können es einfach zur Seite tun." Sie wissen, daß Ansichten etwas sehr Relatives sind, und das gilt für die Ansichten eines jeden Menschen. So ist es auch möglich, daß Ihre Ansicht nicht übereinstimmt mit der Meinung eines Menschen, der mehr Erfahrung hat als Sie; Sie müssen sich nicht zwingen, eine Meinung anzunehmen, hinter der Sie in Wirklichkeit nicht stehen. Lassen Sie sie einfach beiseite.

Das zweite Kennzeichen eines "Kultes" oder einer Sekte ist ein Autoritätssystem, dem man gehorchen soll. Mir sind Fälle sehr vertraut, wo Menschen, vor allem wenn sie verzweifelt sind, von einem Guru oder Therapeuten Rat erwarten. Sie gehen davon aus, daß der Guru oder Therapeut mehr weiß als sie selbst, und in der menschlichen Natur gibt es einen Hang, sich einer Autorität zu unterwerfen. Psychologische Tests haben das bestätigt. Stanley Milgrams Experimente beispielsweise haben gezeigt, daß der Mensch dazu neigt, dem von einer Autoritätsperson ausgeübten Druck nachzugeben. Das ist eine natürliche Tendenz, die in unserer Programmierung enthalten ist und einen bestimmten Zweck erfüllt. Es ermöglicht menschlichen Gesellschaften zum Beispiel, sich entsprechend bestimmter Muster zu strukturieren. Ohne diese Tendenz wäre es sehr chaotisch.

Diese biologischen und psychischen Gesetze gelten zwar im Großen und Ganzen, wenn man es aber mit fortgeschritteneren Formen der Gesellschaft zu tun hat, stellen sie eher einen Störfaktor dar. Ich sehe dies in Fällen, wo Gurus definitiv in das Leben von Menschen eingreifen. Wenn Menschen verzweifelt sind, wissen sie natürlich nicht immer, wie sie ihre Probleme lösen können, und es wäre durchaus leichter, sie jemanden anderen lösen zu lassen. Der Nachteil bei dieser Art von Vorgehen ist jedoch der, daß der Guru, indem er so handelt; die Person ihrer eigenen Verantwortlichkeit und Entscheidungsmöglichkeit beraubt, worum es bei dem Problem doch gerade geht. Folglich macht der Guru die Person abhängig von seinem Willen, wenn er so handelt; dabei ist der beste Weg, einem Menschen zu helfen, ihn unabhängig und entscheidungsfähig zu machen. Ich stelle fest, daß auf diesem Gebiet viel Mißbrauch getrieben wird von Lehrern, die den Leuten sagen, was sie zu tun haben, und besonders auch von Lehrern, die ihnen sagen, was sie nicht tun sollen.

Dieses Bedürfnis nach Führung durch eine Autorität ist dem Menschen natürlich; Kinder brauchen die Sicherheit, die sie dadurch erhalten, daß man ihnen sagt, daß sie nur so und so weit gehen dürfen und nicht weiter. Wenn man das nicht tut, fühlen sie sich unsicher. Es ist gut, daß man ihnen eine Art Struktur auferlegt. Andererseits muß man zu einem bestimmten Zeitpunkt das Kind auch freilassen, damit es selbst lernt, Verantwortung zu übernehmen. Das Kind braucht eine gewisse Sicherheit im Rücken, wenn es auch einmal auf eigene Faust im Niemandsland umherforschen möchte.

Wenn ich von befreiter Spiritualität spreche, dann meine ich die Art von Spiritualität, die für Menschen geeignet ist, die sozusagen ihre Pubertät hinter sich gebracht haben und erwachsen sind. Es ist möglich, daß einige Menschen ein sehr fest umrissenes, feste Regeln enthaltendes Leben benötigen, weil sie sich selbst nicht genug vertrauen, um frei zu leben. Vielleicht gibt es Menschen, die das brauchen, und ich möchte nicht mit Fundamentalisten streiten. Vielleicht stillen sie tatsächlich ein Bedürfnis. Ich aber fühle mich nicht wohl mit diesen Strukturen, und ich denke, daß es Ihnen ebenso geht, sonst kämen Sie nicht zu uns.

Der dritte Punkt betrifft die Art des Lernens. Sie wissen, daß man in den Schulen der alten Art einfach gesagt bekam, wie die Dinge sind, und man hatte kaum die Möglichkeit, kreativ zu sein oder etwas Neues zu entwickeln. Die Lehre durfte nicht in Frage gestellt werden. Es war mehr ein Glaubenssystem, wie gesagt. Neuere Methoden der Pädagogik geben Menschen die Möglichkeit, mit einer Idee zu experimentieren oder sogar eigene Ideen hervorzubringen, die der Lehre nicht entsprechen, um dann herauszufinden, daß sie nicht funktionieren - oder daß sie vielleicht funktionieren. So kann der Lehrer auch vom Schüler lernen, und das LehrerSchüler-Verhältnis ist nicht immer nur eine Einbahnstraße. Das ist weitaus kreativer.

Unsere Vorväter waren sehr vergangenheitsorientiert, ein Phänomen, das mir in vielen spirituellen Disziplinen begegnet ist. Im Yoga beispielsweise basiert das Wort Karma auf der Annahme, daß der Grund, warum uns hier und jetzt Dinge geschehen, in der Vergangenheit zu suchen ist. Es ist vergangenheitsbezogen, ursachenorientiert. Wie Sie aber wissen, ist die Kausalität in der Wissenschaft längst überholt durch die Erkenntnisse der Quantenphysik. Im Bereich der Psychologie ist leider festzustellen, daß einige Schulen immer noch an Denksystemen Newtonscher oder Darwinscher Art hängen, indem sie versuchen, Dinge kausal zu erklären. Newtons Physik gilt für gewisse kleine Bereiche immer noch, und so hat auch die Psychoanalyse in gewissen Bereichen ihre Gültigkeit. Kausalität ist tatsächlich ein Faktor in unseren psychologischen Problemen, aber eben nur einer, und keineswegs der wichtigste. Das gilt übrigens auch im Bereich der Biologie; es stimmt keineswegs, daß die Arten sich einfach nur ihrer Umgebung anpassen. Sie passen auch die Umgebung an ihren Zweck an. So ist immer die Zugkraft der Zukunft mindestens ebenso stark wie die Schubkraft der Vergangenheit, vielleicht sogar stärker. Das neue Paradigma schließt den Begriff der Zweckbestimmtheit in unser Denken ein, anstatt nur in Ursachen zu denken.

Unsere Denkweise, besonders im spirituellen Bereich, ist immer noch sehr ursachenorientiert. Was die Psychologie anbelangt, so ist es wohl wahr, daß viele der Komplexe und Traumata, unter denen Menschen leiden, ihre Wurzeln in der Kindheit haben. Kausalität spielt eine Rolle. Aber es gibt einen anderen Faktor, die Zweckbestimmtheit, die den Einfluß der Kausalität außer Kraft setzen kann. Dies ist sehr wichtig zu wissen. Solange der Patient sein Trauma auf die Vergangenheit zurückführt, wird er den Weg, der ihn hinausfahren kann, nicht finden, da er denkt, daß er durch die Vergangenheit konditioniert ist. Die Zukunft aber bietet unbegrenzte Möglichkeiten, während die Vergangenheit begrenzt ist.

Unsere Psyche kann sich in einem einzigen Augenblick vollkommen verwandeln. Es war wie ein Wunder, wie aus dem Saulus auf der Straße nach Damaskus ein Paulus wurde, wie eine Person von einem Augenblick zum anderen vollkommen transformiert sein kann. Es ist wunderbar, denn es zeigt uns, daß es nichts gibt, was wir nicht sein können. Nur unser Verstand glaubt, wir seien begrenzt durch unsere Erbanlagen, unsere Vergangenheit, etc. Die bedeutendsten Worte aber in diesem Zusammenhang sind die von Jesus: "Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Das bedeutet, daß Sie die ganze herrliche Fülle des Universums geerbt haben! Alles, was Sie zu tun haben, ist, Ihre Erbschaft auch zu manifestieren. Und darum geht es in der Spiritualität.

Damit Sie die herrlichen Möglichkeiten, die bereits in Ihnen angelegt sind, manifestieren können, müssen Sie diese in Ihnen latent vorhandenen Qualitäten in anderen Menschen verwirklicht sehen. Dabei muß es sich nicht unbedingt um einen Menschen, auch nicht unbedingt ein Wesen handeln; es kann auch ein Sonnenaufgang in den hohen Bergen sein. Plötzlich erkennen Sie bei diesem Anblick: Das ist es! Da bin ich zu Hause! Sie entdecken eien Aspekt Ihrer selbst, indem Sie ihn außerhalb Ihrer selbst wahrnehmen. Plotin sagt: "Was man nicht in sich selbst durch Kontemplation entdeckt, sucht man in der äußeren Erfahrung." In der Außenwelt findet man Bestätigung für etwas, was in der Innenwelt existiert. Da man aber nicht immer die Möglichkeit hat, es durch Kontemplation zu entdecken, sucht man es außen. So ist man immer auf der Suche nach einem wunderbaren Wesen, denn auf diese Weise kann man sich selbst entdecken: In einem anderen Wesen, das Qualitäten aufweist, die auch einem selbst vorhanden sind, deren Existenz man aber nicht ahnt oder der man auch nich vertraut. Wenn man sie in einem anderen Menschen sieht, gewinnt man Vertrauen. Das ist auch der Existenzgrund des ganzen Guru-Systems; dafür, daß man immer einen Guru sucht und versucht, sich nach einem Guru zu formen. Das Problem ist, daß man dabei oft bei ein äußeren Aspekt des Guru steckenbleibt, wie bei einem Bild; man versucht, äußere Aspekte nachzuahmen. Im Islam sind Bilder verboten, um die Gefahr der Götzenverehrung zu vermeiden.

Tatsächlich existiert ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Guru und dem Murshid (Sufi-Begriff für den spirituellen Führer oder Lehrer). Ein Guru soll ein perfektes Vorbild sein. Man hat ein Bild von diesem Guru auf einer Art Altar mit einer Kerze davor, und das ganze Leben bewegt sich um diesen Mittelpunkt herum. Besonders der äußere Aspekt dieser Person wird verehrt. Es ist unglaublich, in welchem Ausmaß man von den äußeren Dingen gefangen werden kann. Sie kennen das selbst: Wenn Sie in eine Person verliebt sind und das Bild dieses Menschen bei sich tragen, dann kommt eines Tages mit Sicherheit der Moment, wo Sie dieses Bild nicht mehr ansehen können, weil Sie spüren, daß es dem wahren Wesen im Wege steht. Aus diesem Grunde hat Jelal-ud-din Rumi, als er den Murshid definierte, gesagt: "Der Murshid ist derjenige, der das Idol zerstört, das die Menschen aus ihm gemacht haben." Der Murshid muß das Bild zerstören, das man sich von ihm/Ihr macht. Man hängt nicht an ihm/ihr als Person.

All dies ist sehr überzeugend. Bis man entdeckt, daß es nicht gut genug ist, zu manifestieren was man von der Vergangenheit als Erbteil bekommen hat. Man muß auch kreativ sein, etwa Neues sein. Es ist eine Einschränkung, eine Begrenzung, wenn man sich nach dem Modell einer Person formt. Hazrat Inayat Khan eröffnet einen neuen Weg, er schlägt vor, auf alle Meister, Heiligen und Propheten zu meditieren und nicht nur auf einen Guru. Das ist ein gewaltiger Schritt.

Die ist in unserer Zeit sehr bedeutsam, da viele Menschen immer noch auf ihre Gurus fixiert sind. Hazrat Inayat Khan gibt uns die Botschaft der Einheit aller Religionen. Man stimmt sich auf alle Meister und Heiligen und Propheten ein. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Befreiung. jeder dieser Heiligen und Propheten verkörpert einen Aspekt. Natürlich hat jeder Meister alle Qualitäten in einem gewissen Ausmaß, aber irgendwie ist jeder einzelne von ihnen die Verkörperung einer ganz besonderen Qualität. Ich habe Menschen geraten, wenn sie Mantrams praktizieren, sich zu jedem Mantram auf einen bestimmten Heiligen oder Propheten einzustimmen. Dies ist eine wesentlich freiere Art der Praxis als die, einfach immer auf einen Guru zu meditieren. Wenn es beispielsweise darum geht, Macht zu entwickeln, kann man auf Abraham meditieren; wenn es um reinen Geist geht, auf die Jungfrau Maria. Wenn es darum geht, Einsicht zu entwickeln, kann man auf das Wesen des Buddha meditieren. Und so weiter. Wenn Sie auf Abraham meditieren, könnten Sie natürlich an Abraham denken als einen alten Mann mit Bart, der früher gelebt hat, ebenso werden Sie Maria oder Jesus oder Buddha irgendwo in der Vergangenheit lokalisieren. Aber wie wären sie, wenn sie jetzt existierten? Abraham hätte vielleicht keinen Bart mehr. Jesus würde vielleicht in San Salvador leben. Vielleicht wäre er eine "unerwünschte Person" in der Kirche, weil er kein Christ wäre. Mohammed wäre wohl Präsident der internationalen Abrüstungskonferenz und Buddha ein Psychotherapeut. Wir hängen zu sehr an den Bildern dieser Propheten, wie wir sie uns in der Vergangenheit vorstellen. Man legt sich leicht selbst herein und läßt sich von einem Bild fangen. Befreite Spiritualität bedeutet, sich von dem Bild zu befreien und mit der Essenz dieser Wesen in Kontakt zu treten.

Wenn ich vorher davon gesprochen habe, sich nicht durch die Vergangenheit begrenzen zu lassen, dann hat dies aber doch einen Haken. Kreativ zu sein, schöpferisch zu sein, bedeutet, sich nicht auf das, was man aus der Vergangenheit geerbt hat, beschränken zu lassen; etwas Neues zu sein, man selbst zu sein, etwas in die Welt zu setzen, das es nie zuvor gegeben hat, denn jeder ist einzig in seiner Art. Jemanden nachzuahmen, bedeutet Einschränkung. Der Haken ist der, daß - wie Teilhard de Chardin sagte - Omega schon Alpha war. Und, wie schon Salomon sagte, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Hier begeben wir uns in tiefgründige Gefilde. Mit der Vergangenheit verhält es sich so: Sie begann mit allen Möglichkeiten, im Verlaufe der Zeit aber wurden diese Möglichkeiten eingeengt. Es ist wie ein Schachspiel mit einer unbegrenzten Anzahl von Zugmöglichkeiten, und mit der Zeit verliert man einige davon. Vergangenheit repräsentiert somit eine Begrenzung der unendlichen Möglichkeiten, und die Zukunft repräsentiert die Unbegrenztheit der Möglichkeiten. Wenn Sie in den Begriffen dessen, was Sie ererbt haben, denken, dann denken Sie an die Art, wie das, was Sie geerbt haben, im Verlauf der Zeit eingeengt wurde. Wenn Sie aber schöpferisch denken, sind Sie durch keinerlei im Verlaufe der Zeit eingetretene Einschränkung begrenzt.