Ein Essay von Pir Zia Inayat-Khan

 

Wenn wir den Begriff „Spiritualität“ verwenden, könnte man meinen, wir lehnen die Materie ab oder schätzen sie geringer als den Geist. Das ist nicht der Fall. In unserer Lehre ist Materie nur ein Zustand des Geistes. Sie ist kristallisierter Geist; und es gibt keinen wesentlichen Unterschied zwischen Geist und Materie. Wenn es nun doch einen Unterschied zwischen Spiritualität und Materialismus gibt, ist es nur der, dass wir in der Spiritualität das Bewusstsein als Verwirklichung der alles durchdringenden Intelligenz ansehen, und nicht als ein zufälliges Nebenprodukt natürlicher Auslese.

Während Materialismus Intelligenz nur als Folge erachtet, erkennen wir in der Mystik die Intelligenz sowohl als Ursache als auch als Wirkung an. Es gibt Lebewesen, weil der Kosmos in seiner Essenz lebendig ist. Es gibt denkende, empfindungsfähige Wesen, weil die Natur der Realität Intelligenz ist. Das ist der einzige Unterschied zwischen einer spirituellen und einer materiellen Sichtweise. Die Naturwissenschaften haben mittlerweile viele der Erkenntnisse der Mystik bestätigt, die von den materialistisch ausgerichteten Wissenschaften der vorhergehenden Jahrhunderte angezweifelt worden waren.

Vor kurzem gab es eine Studie unter den Mitgliedern des American Institute of Biological Sciences, Berufswissenschaftlern der Biologie. Von den 400 teilnehmenden Wissenschaftlern sind 70% überzeugt, dass in den nächsten 30 Jahren ein Fünftel aller Pflanzen- und Tierarten aussterben werden. 30% meinen, dass in diesem Zeitraum sogar die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten aussterben könnten. Wenn dies zutrifft, stecken wir schon inmitten des größten Massensterbens, das dieser Planet jemals erlebte. Es ist ein schnelleres Massensterben, und größer als die Katastrophe – wahrscheinlich ein Meteoritenschauer – die die Dinosaurier aussterben ließ. Und obwohl dies praktisch vor unseren Augen geschieht, sehen wir es nicht.

Wir könnten uns fragen, warum wir diese große globale Tragödie nicht mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Ich denke, dass viele von uns diese Tragödie aber doch persönlich erfahren. Wenn nicht, dann liegt das an unserer eigenen Desensibilisierung. Wie unsere moderne wissenschaftliche und religiöse Weltsicht es ausgedrückt hat, sind wir Menschen von der Schöpfung getrennt worden. Wir haben unsere Verbindung mit dieser lebendigen Welt um uns herum vergessen, nicht nur philosophisch, sondern auch zutiefst in unserem körperlichen Bewusstsein.

Wir stehen in unserer Zeit vor einer noch nie da gewesenen Verantwortung. Nicht einer unserer Vorfahren irgend einer früheren Epoche der Menschheitsgeschichte war in dem Maße aufgefordert „Ja“ zu sagen, wie wir es jetzt sind,  getrieben von dem gleichen Impuls, der uns ins Leben brachte. Wir sind aufgerufen, das Leben in all seinen Manifestationen zu bejahen, tatsächlich eine Gesamtheit zu werden, ein Mikrokosmos des Ganzen, nichts auszuschließen und niemals zu trennen. Das bedeutet das Erwachen zu einer bestimmten Wahrnehmung der Materie. Wir sagen uns immer, dass wir spiritueller sein müssen, aber es liegt schon etwas zutiefst Spirituelles in der direkten Wahrnehmung der Materie, in dem sinnlichen Gefühl der Fußsohlen auf der Erde, in der Lebendigkeit des Atems. Dies sind alles Erfahrungen spiritueller Natur. Die Schwerkraft, die uns an diesen Planeten bindet, ist die gleiche Kraft des „Ishq“, welche uns zu unserem Schöpfer hinzieht.

Pir-o-Murshid Inayat Khan, der in der Blüte des Industriezeitalters lebte, spürte dies zutiefst. Er bot eine Übung an, die er als sehr wesentlich ansah, eine Übung, die von allen Murids (Schülern) praktiziert werden sollte. In der Tat ist dies eine Übung, die wir auch außerhalb des Sufi Ordens lehren können. Es ist eine Übung für die Menschheit in unserer Zeit. Es wäre wunderbar, wenn diese Übung allgemein bekannt und von allen Menschen angewendet werden könnte. Es ist dies die „Übung der Elemente", eine Übung, die uns mit dem lebenden Kosmos um uns herum verbindet.

„Erde, Wasser, Feuer und Luft sind die Diener Gottes. Uns erscheinen sie leblos, aber für Gott sind sie lebendig.“  (Jalal al-Din Rumi, Mathnavi)

Wenn wir mit ihnen arbeiten, bemerken wir, dass die Elemente sich nicht nur auf uns persönlich  beziehen, sondern auch auf  Wesen, die das Universum durchdringen und welche mit Leben und Persönlichkeit ausgestattet sind; man könnte sogar von Erzengeln sprechen. Die Sufi-Tradition hat wie viele andere spirituelle Traditionen die Elemente als lebendige Kräfte erkannt. Die moderne Wissenschaft geht weit über die Vorstellung vom Universum als unbelebter, toter Materie hinaus. Wenn wir eine vollständigere, tiefere Ebene des Bewusstseins entwickeln, erleben wir unsere Umwelt immer mehr als beseelt. Deshalb hat Malauna Jalal al-Din Rumi, der große Poet, in seinem Werk Mathnavi geschrieben, dass die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft  - welche uns wie unbeseelte Dinge erscheinen – für Gott lebendig sind. Sie sind Gottes Diener.

Von der göttlichen Perspektive sind die Elemente mit einer vitalen Lebenskraft ausgestattet. Die Sufis praktizierten gewöhnlich einige ihrer spirituellen Übungen von Angesicht zu Angesicht der Elemente und vollzogen ihre Reinigungsrituale in einem Fluss oder unter einem Wasserfall. Ich empfehle, an einem Flussufer in Richtung der Strömung zu wandeln und zu entdecken, wie sich dies auf die Richtung unserer Inspiration, unserer Imagination, auswirkt. Genauso können Übungen auf der Erde liegend, andere an einem Feuer, vor einer Kerze oder einem Lagerfeuer – gemacht werden. Auf diese Weise erwecken wir in uns dieselben Qualitäten, die wir in der Umwelt entdecken.

Max Weber beschrieb die Moderne als die „Entzauberung“ der Welt. Die Rationalisierung und Technisierung  der Gesellschaft brachte eine kognitive Verlagerung mit sich und hat uns von unseren natürlichen Wurzeln und von Gott getrennt. Natürlich bietet uns diese Entwicklung technisch gesehen viele Bequemlichkeiten und Vorteile, aber wiegen wir dies gegen den Verlust des Heiligen ab! Wir sind sozusagen zu Schöpfern von uns dienenden Maschinen geworden, doch letztendlich finden wir uns als die Diener eben dieser Maschinen wieder. Wir müssen dringend unsere lebendige Verbindung zur Erde und zu unserem Körper wiederherstellen, denn wenn der Körper von dieser Matrix getrennt wird, dann verschmutzen wir nicht nur unseren Planeten, sondern auch unsere Körper und unsere Psyche werden verschmutzt. Und die Heilung sowohl des Planeten Erde als auch unseres Körpers kann nur erreicht werden, wenn die Beziehung zwischen Körper und Erde wieder hergestellt wird. Die Elemente-Übungen unterstützen diesen Prozess.

Es ist wichtig, dass wir diese engen Kisten, die wir für uns gebaut haben – diese flackernden Bildschirme, die wir ständig vor unseren Augen haben – verlassen und die natürliche Landschaft betrachten. Wenn wir den Morgen mit unserer Elemente-Atmung beginnen, können wir die Wirkung direkt spüren: Idealerweise steht man und schaut in die Natur – auf den Körper der Erde. Das allein bringt eine grundsätzliche Erkenntnis, eine, die wir meist nicht wahrnehmen. Sich einfach einen kurzen Moment zu gönnen und die Erde als ein lebendes, atmendes Wesen zu erleben, von dem wir eine Zelle sind, beeinflusst unser Bewusstsein maßgeblich.

Der Zustand moderner Entfremdung zeichnet sich durch Banalität und Langeweile aus. Wir versuchen, unsere Langeweile mit Entertainment, Überspannung und Reizüberflutung  zu betäuben. Grund für dieses Gefühl von Banalität, von Langeweile, von Gewöhnlichkeit ist ein Mangel an Bewusstsein, nicht von etwas Fantastischem, Imaginärem, Nicht-Existentem, sondern einfach von genau der Wahrheit dieser unmittelbar gegenwärtigen materiellen Realität. Was bedeutet es denn, mit seinen eigenen Füssen auf einem Himmelskörper größter Komplexität zu stehen, der über Ausdruckskraft, über eine Vielfalt an Landschaften, weiten Flächen aus Wasser, Erde, Feuer und Luft verfügt, einem lebenden, atmenden Planeten, der sich um die Sonne dreht, eingebettet in ein Lichtfeld, das sich innerhalb einer unendlichen erleuchteten Landschaft befindet? Dies ist die Wirklichkeit unseres täglichen Lebens, und dennoch ist es weit entfernt von unserem täglichen Bewusstsein. Die Elemente-Übungen erwecken dieses Bewusstsein.

Ein wunderbarer Vers aus dem Vamana Purana kann als Morgengebet dienen. "Lass die Großen Elemente diesen anbrechenden Tag segnen. Die Erde mit ihrem Duft, das Wasser mit seinem Geschmack, das Feuer mit seinem Leuchten, die Luft mit ihrer Berührung und der Raum mit seinen Tönen." Während wir die Elemente um uns herum anrufen, erleben wir gleichzeitig unseren Körper als einen kosmischen Körper. Dies ist das Thema des Makrokosmos, das sich in allen großen esoterischen Traditionen findet – unser Verstehen zu erwecken, dass unser Körper eine konzentrierte Essenz des ganzen Universums ist. Wir finden dies wieder und wieder in Beschreibungen des Körpers in der Sufi-Literatur und in anderen heiligen Traditionen. Alle Tierkreiszeichen finden sich innerhalb unseres Körpers wieder. Der Körper ist mit den Sternen verwandt, mit der Sonne und dem Mond und mit den Planeten; die Charakteristika der Landschaften, der Berge, der Täler, der Abgründe, der Meere, der Flüsse und der Ströme, der Bäume im Wald, der Tiere – alles existiert in unserem Körper. Der Körper kann sich ausdehnen und mit allen Charakteristika der Landschaft verschmelzen und mit dem Kosmos endlos werden. Wenn wir die Anrufung sprechen und die Übung mit den Elementen praktizieren, erwecken wir genau dieses Bewusstsein, welches die Illusion falscher Mittelmäßigkeit zerstört, die wir oft mit uns herumtragen. Wir erwachen und  nehmen die Großartigkeit der Natur wahr.

`Aziz Miyan, ein großer Sufi, der in erster Linie mit den Elementen arbeitete, sagte:

"Wer sagt, wir müssen weit gehen?
Wo ich stehe, ist der Berg Sinai,
Jedes Blatt offenbart Seine Herrlichkeit,
Jedes Staubkorn versteckt eine Quelle."

Dieses Fleckchen Erde, auf dem wir uns befinden, ist der Gipfel der Offenbarung, wenn wir nur aufwachen und erkennen "jedes Staubkorn versteckt eine Quelle".
Das Element Erde ist eine Phase in diesem Prozess; unser Körper ist aus Lehm gemacht zu genau diesem Zweck. Wenn wir unseren Körper auf diese Weise wahrnehmen, bekommt "Materialismus" eine andere Bedeutung. Wir leben in einer Kultur, die im Allgemeinen als materialistisch  beschrieben wird, weil sich alles um physische Objekte dreht. Und doch könnten wir uns fragen, ob wir tatsächlich "materielle" Erfahrungen haben. In welchem Maße ist unsere Erfahrung des Körpers eine kinetische, eine natürliche? In welchem Maße wird uns unser Körpergefühl vermittelt durch Konzepte, durch eine Vorstellung des Körpers, eines Körperbildes und zwar einem, das konditioniert wird durch die Werbung und das ganze Netzwerk kommerzieller Zusammenhänge, in dem wir leben? In welchem Maße können wir sagen, dass wir wahrhaftig in unserem Körper leben, uns in der Gegenwart unseres Körpers spüren, unseren Tastsinn der Fußsohlen auf der Erde spüren, unsere Verbundenheit zu diesem Planeten fühlen, von dessen Ausdrucksform wir ein Teil sind?

Alle Stoffe, die wir aus der Umwelt aufnehmen, die Nahrung, die wir essen, werden umgewandelt und ein Teil unseres Köpers. Unser Körper befindet sich in einem ständigen Prozess der Erneuerung – was heißt, dass ständig alte Zellen sterben und neue entstehen. Wir nehmen die Substanzen aus der Umwelt auf und geben verbrauchtes Material wieder ab. Auf diese Weise befinden wir uns ständig im Fluss. Unser Körper ist, so könnten wir sogar sagen, ein Wirbel innerhalb des Wellen-Interferenznetzes der Substanz der Erde.  Wir sind ein Ausdruck dieses unseres Planeten. In unserer Leiblichkeit sind wir nichts anderes, als genau dieser Ausdruck der Erde, mit dem sie ihren Zweck hin zu immer größerer Bedeutsamkeit manifestiert.

Wenn wir uns dem Erdelement auf diese Weise nähern, gelangen wir zu einer anderen Sinneswahrnehmung des Körpers; wir nehmen ihn nicht länger als einen Monolith war, nicht länger als eine homogene Tatsache, sondern als Prozess. Wir erkennen, dass unser Eindruck von unserem Körper natürlich auf unserer visuellen Wahrnehmung beruht, während in der Tiefe unseres Körpers ununterbrochen viele organische Prozesse ablaufen. So zieht uns folglich eine vollkommen „materielle" Erfahrung nicht weg vom Geist oder einer tieferen Wahrnehmung unserer Identität – vielmehr zieht sie uns näher zu der wahren, vollständigen Natur unseres Selbst.

Die Lehre, die uns ermahnt, unseren Körper abzulehnen und unsere Essenz als etwas zu betrachten, das sich klar von unserem Körper unterscheidet, ist keine Methodik, die zu einem integrierten Selbstgefühl führt, sondern zu einer weiteren Abspaltung. In der Alchemie der Elemente identifizieren wir uns durch die Meditation mit dem  physischen Körper und erinnern uns daran, dass unser Körper ein Ausdruck des Planeten ist. Wir können uns bewusst werden,  dass unser physischer Körper selbst ein Informationsmuster ist, das das Material, das wir aufnehmen, durch den Prozess der Verdauung konditioniert und dadurch uns „herstellt“. Dieses Informationsmuster haben wir von unseren Vorfahren geerbt. Das ist die „blood-line“.

Aus einer anderen Perspektive betrachtet, muss die Vorstellung, uns mit unserem Körper zu identifizieren nicht zur Folge haben, dass wir uns in einer beschränkten Egozentrik abkapseln. Vielmehr werden wir erkennen, dass wir eine von vielen Inkarnationen innerhalb einer „blood-line“ der Menschheit sind, die ständig in unzähligen Kanälen fließt, sich miteinander vermischt, die so viele Körper ins Leben bringt, die einem Zweck dienen, sich fortpflanzen, selbst verwesen und zur Substanz werden, die in neuen Körpern wieder geboren wird.

So sind wir sogar auf der Ebene der Körperlichkeit mit Allem direkt verbunden. Wir nehmen teil an einer dynamischen Einheit. Wir sind nicht getrennt. Dies intellektuell zu verstehen ist das eine, es aber auch in unserem Bauch zu spüren, ist das andere, und das können wir in der Meditation beginnen zu tun.