Für den Sufi ist die Vorstellung von Gott ein Hilfsmittel, um von der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit aufzusteigen, so wie es auch in der Bibel empfohlen wird: "Seid vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!" Zwischen dem Zustand der Unvollkommenheit und dem der Vollkommenheit liegt ein unermeßlicher Abgrund; Gott aber ist das Schiff, das uns vom Hafen der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit trägt.

Für einen Sufi sind Gott und Mensch nicht zwei verschiedene Wesen; der Sufi denkt nicht an Gott als eine von ihm selbst getrennte Wirklichkeit. Der Gott des Sufis ist nicht nur im Himmel, sondern ist überall. Er erblickt Gott im Unsichtbaren und im Sichtbaren; er erkennt Gott in der inneren ebenso wie in der äußeren Welt. Deshalb gibt es in der Sichtweise der Sufis keinen Namen, der nicht auch ein Name Gottes wäre, und keine Erscheinungsform, die nicht auch eine Erscheinungsform Gottes wäre. Jelal-ud-Din Rumi sagt entsprechend: "Der Geliebte ist alles in allem, was ist; der Liebende verhüllt Ihn nur. Der Geliebte ist alles, was lebt; der Liebende ist wie ein totes Ding." Anders gesagt: dieser doppelte Aspekt der Liebe, der mit den Worten Geliebter und Liebender ausgedrückt werden soll, ist in Wirklichkeit ein einziges Sein. Sterben wird der Liebhaber, und leben wird nur der Eine, der Geliebte. Sterben wird das unvollkommene kleine Selbst, das die Vollkommenheit verhüllt; leben wird der Eine, welches das vollkommene Selbst ist.

Der Sufi hat erkannt, daß diese beiden Aspekte in ihm selbst existieren: der unvollkommene und sterbliche Aspekt seiner Natur ebenso wie der vollkommene und unsterbliche Aspekt seiner Natur. Der erstere wird durch sein äußeres, kleines Selbst verkörpert, der letztere durch sein innerstes Selbst. Während aber sein unvollkommenes, kleines Selbst seine Seele zudeckt und in einem begrenzten Wesen einschließt, erkennt er gleichzeitig die Größe des vollkommenen Wesens. Sich selbst bezeichnet er als "ich", als einen Diener Gottes, und Gott nennt er den Herrn der ganzen Wirklichkeit.

(nach: Hazrat inayat Khan)