Kupferne Regeln 9 & 10
Kupferne Regel 9: Mein gewissenhaftes Selbst, sei gegen niemanden voreingenommen.
Kupferne Regel 10: Mein gewissenhaftes Selbst, erweise Dich in all Deinen Handlungen als vertrauenswürdig.
Diese beiden Regeln werden durch eine Geschichte aus unserer eigenen Linie veranschaulicht, die Geschichte von Fuza'il bin 'Ayaz. Fuza'il bin 'Ayaz begann sein Leben als Bandit, als Straßenräuber. In jenen Tagen verstanden es Händler große Gewinne zu erwirtschaften, indem sie Waren von jenseits der Wüste importierten. Aber sie gingen auch ein großes Risiko ein, denn die Wüste war der Lieblingsplatz von gesetzlosen Banden, die gut davon lebten, Reisende auszurauben. Eine dieser Banden wurde von Fuza'il bin 'Ayaz angeführt.
Eines Tages sandte Fuza'il seine Bande wie üblich aus, um eine Händlerkaravane aus dem Hinterhalt auzugreifen. Da er der Chef war, nahm er nicht direkt an dem Angriff teil, sondern inszenierte ihn aus dem Hintergrund, und blieb dabei im Räuberlager.
Als die Händler die Plünderer auf sich zueilen sahen, gefror ihnen das Blut in den Adern. Einer von ihnen packte eine Kiste mit seinem wertvollsten Besitz, einem Geheimfach voller Juwelen, und floh in Panik.
Auf seiner Flucht kam der Händler zufällig zum Lager der Räuber, wo Fuza'il bin 'Ayaz es sich vor einem Feuer bequem gemacht hatte. Höchst erleichtert, diesen Fremden entdeckt zu haben, flehte der Händler: „Meine Karavane wird belagert. Wären Sie so freundlich, diese Kiste für mich sicher aufzubewahren bis die Luft rein ist.“ Fuza'il gab sein Einverständnis.
Als er zum Ort des Überfalls zurückkam, waren die Banditen schon mit der Beute verschwunden, und seine Mitreisenden machten sich auf weiterzureisen, betrübt über den Verlust ihrer Waren, aber dankbar, am Leben zu sein.
Der Händler entschied, dass es nun sicher sei, seine Kiste wiederzuholen, und verfolgte seinen Weg zurück. Stellen Sie sich seine Überraschung und sein Entsetzen vor, als er im Lager ankam und Fuza'il bin 'Ayaz von den Angreifern umringt sah, die ihn klar erkennbar als ihren Führer betrachteten!
„Was habe ich nur getan?“, dachte er. „Ich habe meine ganze Existenzgrundlage direkt in die Hände des Räuberhauptmanns gelegt. Niedergeschlagen wandte er sich zum Gehen.
Aber Fuza'il rief ihn: „Du da! Weshalb bist du gekommen?“
Der Händler antwortete: „Dumm wie ich bin, kam ich um meinen Schatz zurückzuholen. Eine verrückte Idee, ich weiß.“
Fuza'il dachte einen Moment nach und sprach dann feierlich: „Du hast mir die Kiste anvertraut. Du hast mir vertraut, und ich vertraue Gott. Nimm sie.“ Indem er das sagte, gab er die Schatzkiste zurück, die der Händler erstaunt und mit unausschprechlicher Dankbarkeit entgegennahm.
Aber nicht nur der Händler war glücklich. Fuza'il bin 'Ayaz entdeckte ein Glück, dass er noch nie zuvor gekannt hatte. Indem er dem Vertrauen des Händlers gerecht geworden war, wurde ihm ein Wert bewusst, der viel größer ist, als alle Reichtümer der Welt: der Wert der Vertrauenswürdigkeit.
Der Weg, der vor ihm lag, war jetzt absolut klar. Verbrechen war nun nicht mehr möglich. Fuza'il verließ seine Bande und nahm das Leben eines Derwisch an. Schließlich wurde er Schüler von Shaykh Abd al-Wahid bin Zaid, und letztendlich sein Nachfolger. Sein eigener Nachfolger war Ibrahim Adham al-Balkhi. Während Fuza'il einst ein Räuber war, war Ibrahim Adham einst der König von Balkh! Der Geist weht wo er will!
Was sagt uns diese Geschichte? Die Lektion für den Händler war: „Sei gegen niemanden voreingenommen.“ Die Lektion für Fuza'il war: „Erweise Dich in all Deinen Handlungen als vertrauenswürdig.“