Eiserne Regeln 9 & 10

Mein gewissenhaftes Selbst, suche keinen Vorteil darin, jemanden in Schwierigkeiten zu bringen. Und die andere ist: Mein gewissenhaftes Selbst, verletze niemanden zu deinem Vorteil. Ich denke, dass diese beiden Prinzipien zusammen betrachtet werden können; sie sind sehr nahe verwandt. Suche keinen Vorteil, indem du jemanden in Schwierigkeiten bringst, und versuche nicht aus der Verletzung eines anderen Nutzen zu ziehen. Wie so viele der Eisernen Regeln, so sind dies Ideen des gesunden Menschenverstandes, und wahrscheinlich akzeptiert jeder von uns natürlicherweise das Prinzip und würde niemals einen anderen Menschen bewusst zum eigenen Vorteil verletzen oder jemanden zum eigenen Nutzen in Schwierigkeiten bringen. Worum es aber bei der Kontemplation dieser Gedanken geht, das ist nicht bloß ein Handeln, das dem eigenen Bewusstsein entspricht, sondern die Ausdehnung und Vertiefung des eigenen Bewusstseins, das Bewusstmachen des Unbewussten. Wir könnten entdecken, dass wir oft die Tiefe einer Situation nicht genügend ergründen, um zu entscheiden, ob jemand tatsächlich durch unser Handeln in Schwierigkeiten gebracht oder verletzt wurde, weil wir so selbstverständlich auf unsere eigenen Ziele fixiert sind. Sollte man uns auf den Ärger aufmerksam machen, den wir anderen bereiten, würden wir ohne Zweifel unseren Kurs ändern, aber wir machen uns nicht die Mühe, unser Bewusstsein dafür zu wecken. Tatsächlich könnten wir sogar das Gegenteil tun, wir könnten wegblicken und den Akt des Zeuge-Seins vermeiden, der die Situation komplizierter machen würde. Aber dieses Vermeiden bringt eine Note von falschem Bewusstsein [schlechtem Gewissen?] mit sich, denn irgendwo in den Tiefen unseres Gemüts, in unserer Seele können wir nicht anders als die Wirkung unseres Handelns wahrzunehmen. Sie lauert in den Tiefen und wird zu einer Quelle von Schuldgefühl, Scham und Furcht. Auch wenn diese Gefühle nicht bewusst erkannt werden, bleiben sie unter der Oberfläche bestehen.

Wenn man im beharrlichen Trachten nach seiner persönlichen Befriedigung das Wohlergehen anderer ausklammert, könnte man durchaus Erfolg haben. Sehr oft ist die Welt so beschaffen, dass Rücksichtslosigkeit eine effektive Strategie ist. So mag man kurzfristig auf diese Weise Erfolg haben und ein gewisses Glück erlangen. Aber dieses Glück ist das Glück der nafs al-ammara, des gebieterischen, herrischen Selbst, des Selbst, das zwischen sich und jedem anderen einen totalen Unterschied macht und hartnäckig sein Eigeninteresse auf Kosten anderer verfolgt. Es hat sein eigenes Glück, und dieses Glück hat ein bestimmtes Vergnügen, aber es ist ein kurzlebiges Vergnügen, eine leere Freude, und es ist voller Furcht und Sorge, die von Schuldgefühl getrübt ist. Letzten Endes erweist sich also, dass es keinerlei Befriedigung verschafft, weil es exklusiv ist.

Es gibt aber eine andere Art von Glück, und das ist das Glück der nafs al-lawwama, der nafs, die sich als Teil eines größeren Ganzen erkennt. Und dieses Ganze könnte die eigene Familie sein, dieses Ganze könnte die eigene Nachbarschaft sein, dieses Ganze könnte die eigene Nation sein, die eigene Religion, die eigene Spezies, die ganze Biosphäre, oder sogar das Ganze des Seins. Aber man sieht, dass man sich nie jemals von diesem Gewebe des Lebens loslösen und dabei erwarten kann, auf autonome Weise Zufriedenheit zu finden. Man erkennt mehr und mehr, dass seine wahre Erfüllung im eigenen Beitrag zur Erfüllung des Ganzen liegt. Und dieses Glück ist ein viel größeres Glück. Auch es hat seine Triumphe; auch es hat seine Erfolge; auch es hat seine Ziele, die erreicht und genossen werden, und die Freude an diesen Zielen ist etwas ganz Besonderes wegen des vollständigen Fehlens von Schuld, Scham, Furcht und Sorge, die mit der Dominanz und dem konkurrenzhaften rücksichtslosen Durchsetzen gegenüber anderen einhergeht. Es ist die Zufriedenheit des Teilhabens, die Zufriedenheit des Teilseins von etwas, das größer als man selbst ist, des Beitragens zum Aufbau einer Welt, die der Erfüllung des ganzen Seins dient.

Wenn man auf den Verlauf seines Lebens zurückblickt, dann fehlt diesen flüchtigen Freuden, von denen nur das kleine Selbst profitierte, wirklich der bleibende Wert. Sie verschwinden genau so schnell, wie sie genossen werden. Aber diese Triumphe, welche Triumphe der Teilhabe, der Zugehörigkeit, des Mitgefühls, des Zeuge-Seins sind, sie sind die unsterblichen Triumphe, die im Hauptbuch der göttlichen Evolution verzeichnet sind und das dauernde Glück bilden werden.

So sind wir hier bei jeder Entscheidung, die wir treffen, gehalten, über unseren persönlichen Vorteil hinauszusehen, obwohl dieser ebenfalls wichtig ist. Verleugnen Sie nicht Ihre persönlichen Bedürfnisse und Ihre eigene Befriedigung. Das ist ein Teil der Befriedigung des Universums; wenn Sie sich selbst ausschließen, ist das Glück unvollständig. Sie sind ein integrierender Bestandteil dieser Befriedigung. Aber das Gleiche gilt von der Gemeinschaft von Wesen, die Sie umgibt. Also möchte man abwägen: haben die Wesen um mich herum, die daran teilhaben, die von dieser Entscheidung betroffen werden, einen Nutzen davon? Wird ihr Glück und das zukünftiger Generationen vermehrt? Als Nation legen wir uns selten Rechenschaft ab über die Zukunft unserer Kinder und deren Kinder und deren Kinder über sieben Generationen, wie die Ureinwohner dieses Landes es taten. Wir schaffen ein riesiges Defizit, verbrauchen die Existenzgrundlagen zukünftiger Menschen, und wenn wir diesem Prinzip in unseren kollektiven Einrichtungen Geltung verschaffen sollten, dann würden wir vielleicht auf ganz andere Weise leben. Wir müssen also an all die Menschen, Tiere und Pflanzen denken, die von unseren Handlungen betroffen werden, und jede Handlung zu einer solchen machen, die zum Aufbau der schönen Welt beiträgt, die unserer Vision entspricht.