Zira'at
Eine Brücke zwischen inneren und äußeren Welten
von Aeostra Beatrice Balke

"Ist ein Schimmer Unseres Bildes im Menschen eingefangen,
wird nach Himmel und Erde im Menschen gesucht,
was gibt es dann in der Welt, das nicht im Menschen ist?"
- Hazrat Inayat Khan -

  "Der Zustand der Welt spiegelt
den Bewusstseinszustand des Menschen."
-
Hazrat Inayat Khan - (frei zitiert)

Das Wort Zira'at bedeutet zum einen Brücke (sirat , arabisch), und gleichzeitig Landwirtschaft/Kultivierung (zeraat , modernes Persisch).

In der Konzentration Zira'at geht es darum, durch Kultivierung - d.h. Arbeit mit dem mind - das innere Leben zu reinigen, so dass unsere Persönlichkeit, als Wirkinstrument unserer Seele in der Welt, nicht mehr überwiegend begrenzte Konditionierungen, und damit oft verzerrte Qualitäten spiegelt, sondern zum Gefäß für die göttlichen Impulse des höheren Selbst werden kann.

So wird die Methode des Zira'at zum Instrument, "der Erde (wahres) Leben zu bringen" und am Ende des Zyklus etwas "Gott zurück zu geben". - Asha Kent -

Auf diese Weise kann der Mensch zur Brücke, zum verbindenden Glied zwischen der materiellen und den geistigen Welten werden.

Zira'at-Arbeit ist innere Arbeit und Wirken in der Welt, und damit Dienen und Verantwortung. Zira'at verbindet uns besonders mit den spirituellen Archetypen des Gärtners (Pflegen und Fördern des natürlichen Lebens), des Hüters und Wächters (für Planet Erde), des Madjubs (der für die Harmonie und das Gleichgewicht im Verborgenen wirkt), wie des Meisters und des Ritters (sophianische Ritterschaft).

Zira'at-Arbeit ist Arbeit am persönlichen Auferstehungskörper, und als Konsequenz davon am Auferstehungskörper des Planeten.

Zira'at gibt Antwort auf die Fragen "wie kann ich spirituell wachsen im Zusammensein mit anderen? und im Engagement im konkreten Leben?" Der Weg, der im Zira'at beschritten wird, ist ein zyklischer Prozess von sechs Stufen (Pflügen, Eggen, Säen, Ernten, Dreschen, Speichern), der auf jeder Verwirklichungs- und Einweihungsstufe durchlaufen wird.

So werden inneres und äußeres Leben füreinander fruchtbar gemacht. Die Impulse des Göttlichen/des Selbst (1) werden von der Persönlichkeit aufgegriffen und im äußeren Leben umgesetzt (Säen). Die Erfahrungen bei diesem Prozess der Manifestation und Verwirklichung verwandeln unser Wesen, unsere Substanz. Neue Qualitäten sind dabei in uns erwacht. Nach dem ganzen Prozess wird ausgewertet, Bilanz gezogen (Ernten und Dreschen). Diese Essenz wird unserem inneren Wesen zugeschrieben (Auferstehungskörper/Speichern).

Mit jeder erfolgreich gemeisterten Aufgabe geht eine seelische Ermächtigung einher. Wir vertrauen zunehmend dem Wandlungs- und Wachstumsprozess unserer Seele, so dass wir uns mit jeder Verwirklichungsstufe (2) mehr von den subjektiven, zeitlichen und kollektiven Prägungen unserer Persönlichkeit lösen und mehr und tiefer mit dem göttlichen Wesensgrund verschmelzen und so zu einem vollkommeneren Instrument Gottes werden.

Zira'at stärkt das Gespür für Zusammenarbeit. Das Wissen um die Elemente und die Stufen im Prozess lässt uns unsere Mitmenschen in ihrer Andersartigkeit besser verstehen. Dies schafft Toleranz und Harmonie. "Es gibt Pflüger auf dem Feld, und es gibt die Schnitter der Ernte. Alle sind sie verschieden, aber sie alle führen Seinen Plan aus, und alle sind sie füreinander notwendig" (Zira'at-Papiere). Zira'at stärkt die Konzentration auf Gottes Plan, den er durch alle Reiche seiner Schöpfung zu verwirklichen strebt in Koexistenz und Kooperation. Erst allmählich wird der Blick auf den Gesamtplan, das Ganze, deutlicher. Dies ist die Perspektive des Farmers, die Einheit in der Vielheit zu sehen, den Sinn, die Bedeutung, und entsprechend alle Einzeltätigkeiten zu koordinieren. Er hat die sechs Stufen des Prozesses durchlaufen und Erfahrung damit gesammelt.

Die Symbolik im Zira'at mag anfangs befremdend wirken, ist aber zutiefst bedeutungsvoll. Nach mehr als 2000 Jahren städtischer, wissenschaftlicher und industrieller Kultur, wie sie durch die Symbolik u. a. der Freimaurer wie der alten Sufi-Bruderschaften unterstützt wurde, wird die Fortentwicklung des Menschen wie des Lebens auf unserem Planeten von einem sich wieder In-Harmonie-Setzen mit den Prozessen und Entwicklungsgesetzen der Natur in uns (dem Mikrokosmos) wie in der äußeren Welt (dem Makrokosmos) abhängen. Es gilt wieder zu lernen, im heiligen Buch der Natur zu lesen, die natürlichen Prozesse des Werdens und Vergehens zu begreifen und bewusst und in Übereinstimmung damit zu handeln.

Der spirituelle Weg, der im Zira'at aufgezeigt wird, umschließt gleichzeitig die 'vertikale' Dimension (Schöpfung und Transzendieren) wie die 'horizontale' (Verwirklichung in der materiellen Welt, in Raum und Zeit). Hier werden Logos und Bios, männliche und weibliche Wege in ein Gleichgewicht gebracht. Körper und Geist oder Materie und Geist sind heute keine Gegensätze mehr, sondern wollen sich gegenseitig durchdringen. Es gilt die Materie zu spiritualisieren wie den Geist zu materialisieren. Wir leben "in einer Zeit, in der das göttliche Bewusstsein tiefer in die Materie hinabsteigt" (Pir Vilayat Inayat Khan). Die Aktivitäten des Zira'at haben zum Ziel, die Erde zu verklären, die Welt der Auferstehung, das "neue Jerusalem" zu schaffen.

In der Zira'at-Loge (Zeremonie) findet eine Anrufung und Ehrung der Elemente statt. Es ist wichtig, den Stoffen und Prozessen wie auch den Wesen und Mitgeschöpfen auf diesem Planeten, die uns unsere Reise hier überhaupt ermöglichen, mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen, mit ihnen bewusst zu kooperieren statt sie für unsere vordergründigen, kurzsichtigen und egozentrischen Interessen zu missbrauchen. Wir sind keine getrennten, autonomen Wesen. Alles ist miteinander verbunden und braucht einander in ständigen Austauschprozessen des Gebens und Nehmens. Die Qualität unseres Bewusstseins und unserer Einstimmung wird maßgeblich vom Zustand der Mitgeschöpfe und der uns umgebenden Welt beeinflusst, wie auch umgekehrt. Die Zira'at-Praxis hilft, diese Interdependenz zu erfahren. Nicht nur lediglich wir Menschen, die ganze Schöpfung ist auf dieser Bewusstseinsreise unterwegs. "Jedes Atom, jedes Objekt, jeder Zustand und jedes lebende Wesen hat eine Zeit des Erwachens... Die ganze Schöpfung entstand, um zu erwachen." - Hazrat Inayat Khan -

Pir Zia Inayat Khan hat die letzten Jahre angeregt, auch eine Zeremonie (Loge) bzw. einen Gottesdienst zur Ehrung von Mutter Erde durchzuführen. Im Logenritual findet, wie im Gebet, eine direkte Verbindung mit höheren Ebenen statt. Hier können uns neue Einsichten und Impulse zur Verwirklichung zufließen. "Wir Menschen sind - ob wir es nun wissen oder nicht - das verbindende Glied zwischen der materiellen Welt und den geistigen Welten und können zur Brücke werden, sobald wir reif genug zu diesem Bewusstsein sind" (Hazrat Inayat Khan). Ursprünglich durften nur Eingeweihte an der Zeremonie teilnehmen. Heute entscheidet der Zira'at-Koordinator, der die Loge leitet, ob auch Interessenten zugelassen werden. Ernsthaftes und echtes Interesse sind wichtig, um die Reinheit der Konzentration zu gewährleisten. Das Logenritual ist ein heiliger Akt, bei einer Banalisierung und Profanisierung wäre alles verloren.

Schweigsamkeit ist wichtig im Zira'at: "Ich will meine Lippen versiegeln." (Zira'at-Gelübde) Es geht darum, die Energie und Achtsamkeit im Prozess zu lassen, statt sie durch unbedachtes Reden zu zerstreuen und eventuell noch neues 'Ego', Stolz oder Zweifel zu entwickeln. Achtsamkeit, Disziplin und Meisterschaft werden dadurch gestärkt.

Zira'at gibt seine Geheimnisse nicht gleich preis. Nur die Grundzüge des Zira'at und einige wenige Lektionen sind gegeben. Es gilt das Buch der Natur zu lesen. Die Weisheit von Zira'at offenbart sich durch die Praxis. Alle Lehren von Hazrat Inayat Khan, Pir Vilayat Inayat Khan und Pir Zia Inayat Khan lassen sich auf Zira'at und seine Prozesse beziehen.

Zira'at ist spirituelle Ökologie. (3) Ökologisches Handeln ist als seine Anwendung anzusehen.

"Mögen wir unter denen sein,
die die Verklärung der Erde bewirken."
- Zarathustra -

Die ersten Stufen im Zira'at - Prozess

Die ersten zwei Stufen, das Pflügen und Eggen, sind Stufen der Reinigung. Es geht darum, den Boden, das Feld vorzubereiten, so dass später gesät werden kann.

Das Gleichnis vom Sämann in der Bibel zeigt klar, dass es auf die Beschaffenheit des Ackers ankommt, ob die Samen später gedeihen und sich entwickeln können. Es geh darum Raum zu schaffen. Die Reste der alten Ernten (die mentalen und psychischen Konditionierungen) müssen entfernt werden. Dies betrifft alle Anhaftungen, positive wie negative.

Besonders ist damit auch Schattenarbeit, Arbeit mit dem Unbewussten gemeint - die Auseinandersetzung mit den Eigenschaften, Tendenzen und Gewohnheiten in uns, die nicht zu unserem Selbstbild, unserer Persona (sozial erwünschte Eigenschaften / Anpassung an die Familie und das soziale Umfeld, Gesellschaft und Kultur) und unserem spirituellem Ideal passen. Das, was wir nur zu gerne projektiv an unseren Mitmenschen bekämpfen und verurteilen. (Das spirituelle Ideal birgt oft auch einen Schlüssel, ein Tor zu einer umfassenderen Verwirklichung unserer Möglichkeiten, zur Ganzheit des Selbst). All dies muss hervorgeholt, auf uns selbst bezogen, ins Bewusstsein gebracht und zunächst angeschaut werden. Um unser seelisches Gleichgewicht dabei zu bewahren sind hier neben Willenskraft und Entschiedenheit, Sanftheit und Behutsamkeit wichtig. Mit einem Kraftakt ereichen wir oft das Gegenteil des Angestrebten. Es gilt den unerwünschten, zu entwurzelnden Neigungen, die seelische Energie, unsere Aufmerksamkeit zu entziehen. Die Arbeit mit dem Schatten macht uns demütig, und schützt uns vor Hochmut und Stolz, der psychischen Inflation, die durch die Identifikation mit lediglich den lichtvollen Seiten unserer Persönlichkeit, wie der spirituellen Erfahrung, geschieht.

Das Licht des Bewusstsein entfaltet auf die zuvor abgewehrten, unerwünschten (aus der Perspektive der Persona) Neigungen seine transformierende Kraft. So können zuvor verzerrte Qualitäten schrittweise zu reinen Qualitäten werden. Dies ist Arbeit mit dem 'mind' (Verstand, Gemüt, mentale und psychische Konditionierung). Unsere Persönlichkeit muss aufgepflügt und gereinigt werden, um flexibel, durchlässig und empfänglich zu sein für die Impulse aus der Tiefe des Selbst (Gott).

"Geh hin und reibe den Rost vom Spiegel!
Dann lasse das Licht sich offenbaren!
Wenn der Spiegel vom Rost frei wird -
Werden die Strahlen der Sonne Gottes
Sich darin widerspiegeln."
- Rumi -

Literatur zum Zira'at:

- Murshida Sophia Green (nach Vorlagen von Hazrat Inayat Khan), Zira'at-Papiere
- Musawira Anita Brüning (Hrsg.), Zira'at - eine Brücke zwischen den Welten, Europäische Zira'at-Koordination Suresnes
- Pir Vilayat Inayat Khan beantwortet Fragen zum Zira'at, Leitercamp Sommer 2001, veröffentlicht in Zira'at-Brief März 2002
- Pir Vilayat Inayat Khan über den Zira'at, Abode of the Message 9/97
- Pir Vilayat Inayat Khan, Hazrat Pir-o-Murshid Inayat Khan's Message for our Time, in: A Pearl In Wine, edited by Pirzade Zia Inayat Khan, 2001
- Hazrat Inayat Khan, Der Seele woher und wohin, Heilbronn 2003
- Hazrat Inayat Khan, Die Sprache des Kosmos, East-West Publications, Den Haag o.J.
- Hazrat Inayat Khan, Gesundheit u. geistige Entfaltung, edition nada 1996, S. 265f.: Die Welt des Geistes
- Hazrat Inayat Khan, Mastery Through Accomplishment, New Lebanon, NY, 1989
- Hazrat Inayat Khan, Naturmeditationen, übersetzt von Beatrice Balke und mit einem Vorwort von Pir Vilayat Inayat Khan versehen, Verlag Heilbronn 2000

Anmerkungen:

(1) Ich setze hier die Achse Gott und Mensch mit der Achse des Selbst und der Persönlichkeit mit dem Ich als Zentrum des Bewusstseins parallel. In der analytischen Psychologie C. G. Jungs steht das Selbst für die Ganzheit der Psyche, für Bewusstes und Unbewusstes, Persona und Schatten, Weibliches und Männliches ebenso wie für die das Individuelle und Persönliche transzendierende kosmische und transzendente Dimension (den göttlichen Funken). Das Selbst wirkt als apriorisches Gestaltungsprinzip, das den Aufbau des Ich-Komplexes und der Persönlichkeit steuert. C. G. Jung unterscheidet in seinem Werk drei Dimensionen des Selbst: Die erste ist "mein Selbst" als Grund und Ursache der individuellen Persönlichkeit. Die zweite Dimension nennt er "das Selbst", dies meint den ewigen, universalen ("runden", vollkommenen) Menschen in uns. Als dritte Stufe des Selbst kann sich der ganzheitliche Mensch in uns mit dem unus mundus verbinden, der potentiellen ganzen Welt des ersten Schöpfungstages. Hier wird die Verbindung und Einheit der Psyche mit dem Kosmos als Ganzem bewusst erfahren.

(2) Verwirklichungsstufe meint den Grad der Inkarnation der Seele und des göttlichen Geistes in unsere Persönlichkeit. Jede Einweihungsstufe ist charakterisiert durch eine Veränderung der persönlichen Identität und der Perspektive des Bewusstseins.

(3) Siehe auch: Zia Inayat Khan, Spirituelle Ökologie in Altpersien, in: Magazin "Emergence", Winter 1989/90

 


 

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